America First

von Iris van Baarsen

America First“, diesen Satz kennen wir alle, und sehr viele Menschen verbinden mit diesen Satz Donald Trump, den Bau einer Mauer, das Einreiseverbot und den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen. Seitdem dieser Satz ausgesprochen worden ist, verbinden wir Emotionen wie Unfassbarkeit, Erstaunen, Ärger bis hin zu einer aufgetürmten Wut, die sich in Kommentaren, höhnischen Bildern und persönlichen Anfeindungen in den sozialen Netzwerken entladen.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, liebe Leserin, lieber Leser, ich für meinen Teil kann das alles gut verstehen. Ist es doch genauso meine Unfassbarkeit, mein Ärger und mein Erstaunen, was dort in Amerika geschehen ist und jeden Tag geschieht.

Deshalb ist es ja auch so leicht sich der Gegenbewegung „We First“ anzuschließen. Und wenn schon nicht in aktiver Form, dann doch wenigstens passiv, und in Form von Like’s, Kommentaren und schönen Bildern über die Natur, oder Bildern von Flüchtlingskindern, die aus einem seeuntauglichen Boot gerettet werden.

Uns dem „We First“ anzuschließen (in welcher Form auch immer), ist eine gute Sache und eine noch bessere Ablenkung. Auf Amerika zu schimpfen und zu sagen, dass so etwas bei uns ja nie passieren könnte, ist fast schon eine Erleichterung, gibt sie uns doch die Gelegenheit, uns besser zu fühlen.

Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen, es geht nicht um die Frage, ob Deutschland seine Klimaziele erreichen wird. Auch nicht um die Tatsache, dass Elektroautos immer noch einen verschwindend geringen Anteil haben, dass 3,4 Millionen Neuzulassungen von PKW’s gemeldet wurden, was einer Steigerung von 4,5 Prozent entspricht.

Es geht auch nicht darum, dass wir erkannt haben, wie schwierig das Thema Migration im Alltag ist. Und seien wir ehrlich: Es wäre doch schön, wenn dieses Thema gar nicht existieren würde. Schon allein wegen der vielen Flüchtlinge, die ja dann sicher in ihrer Heimat leben könnten. Und ja, geben wir es hier an dieser Stelle ebenfalls zu, auch Unseretwegen! Und seien wir noch ehrlicher: Wer von uns empört sich über Trumps Idee eines Mauerbaus und ist gleichzeitig für eine Obergrenze hinsichtlich der Flüchtlingsströme nach Deutschland?

Ja, der Satz „America First“, den kennen wir, und er geht in Resonanz. Denn wie oft leben wir diesen Satz „I First“?

Wir sprechen vom Klimaschutz und fahren gleichzeitig mit dem Dieselauto zum drei Kilometer entfernten Supermarkt. Wir benötigen beim Einkaufen für jede Obstsorte eine gesonderte Plastiktüte und packen diese nach dem Bezahlen stolz in unsere Juteeinkaufstasche.

Ein ähnliches Verhalten (I First) können wir in der Wirtschaft beobachten. Wir reden von neuen Arbeitswelten, von Kollegialität, Transformation und mehr Menschlichkeit in unseren Organisationen. Dabei ist es wichtig, dass wir agil und innovativ sind und dabei radical Collaboration, Holacracy, genauso wie Scrum im Repertoire haben. Aber was ist das dahinterstehende Interesse? Was die tatsächliche Motivation? Was ist hier Plattitüde?

Unsere Arbeitswelt verändert sich, keine Frage. Mehr Digitalisierung und mehr Automatisierung bringt veränderte Arbeitsprozesse und veränderte Aufgaben mit sich und demzufolge neue Strukturen. Um überlebensfähig zu sein brauchen Unternehmen daher schnell eine neue Strategie, einen neuen Weg. Die Frage, die sich dabei stellt, ist die folgende: Entsteht dieser Weg aus der Motivation des Überlebens heraus („I First“), oder aus einer wirklichen Gutmenschendenke, einer echten Gemeinwohldenke heraus? („We First?“).

Steckt hinter dem „We First“, also den Planeten retten zu wollen, Organisationen menschlicher zu machen, Mitarbeitern Möglichkeiten zu bieten ihr volles Potenzial zu leben, die Haltung „I First“?
Geht es wahrhaftig um das Potenzial des Mitarbeiters, oder um flexiblere Mitarbeiterstrukturen? Geht es um Selbstbestimmung, mehr Kompetenz und mehr Verantwortung für das Team, oder ist das die perfideste Form der Selbstausbeutung? Geht es um den Kunden, um seinetwillen, oder geht es um Wettbewerb und Profitsteigerung? Geht es Unternehmen bei der Förderung von Schulen und Kindergärten um den Paradigmawechsel, oder um das Bilden einer künftigen Gefolgschaft für den eigenen Betrieb? Geht es bei Spenden für die Umwelt wirklich um Artenschutz und Ressourcenschonung, oder vielmehr um das eigene Firmenimage?    

Ich glaube fest daran, dass es Menschen und Organisationen gibt, denen es tatsächlich tief in ihrem Herzen, um ein besseres Miteinander geht, um eine aufrichtigere Zusammenarbeit und den Dienst am Kunden und unserem Planeten. Ich glaube aber auch, dass dies die Minderheit ist. Bei Weitem!

Bevor wir also den Satz „America First“ verurteilen, fragen wir uns lieber ob unsere Handlungen und die dahinterstehende Haltung tatsächlich einem „We First“ entsprechen. Stellen wir uns die Frage, ob unsere Einstellung – unterstellen wir die Gutmenschen- und Gemeinwohldenke – belastbar ist. Hält sie eine zweite Finanzkrise aus? Ist diese Haltung nur in einem wirtschaftlich stabilen Umfeld lebbar, oder auch in Ländern, die wirtschaftlich am unteren Ende der Skala stehen? Who will be the second one?

Wie wäre es also, wenn wir im Kleinen und mit Geduld das „We All“ erlernen? Wie wäre es, wenn wir dies in unserem privaten Alltag bringen, genauso wie in Gesprächen mit Mitarbeitern, in Verhandlungen mit Kunden und im Umgang mit unserem Planeten?  

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