Die vierte Wand

von Iris van Baarsen

Iris van Baarsen und Sven Hantel im Gespräch mit dem zukünftigen Intendanten der Stuttgarter Oper Viktor Schoner

„Das Bratscheherz liegt mir immer noch nah, weil der Bratscher derjenige im Orchester ist, der verbindet. Die Bratsche ist nicht die erste Geige, aber sie ist der Moderator, der, der die Sache auch mal von der anderen Seite betrachtet. Der Bratscher ist sowas wie der Bassist in einer Band. Das sind die Leute, die ein bisschen lockerer sind“, sagt Viktor Schoner zu Beginn unseres Gesprächs und diese Aussage beschreibt ihn ganz gut.

Viktor Schoner kommt aus einer bürgerlichen Struktur, ist in Aschaffenburg aufgewachsen und hat in Berlin Bratsche studiert. Ein Stipendium für Musikwissenschaften brachte ihn nach New York und seine Arbeit mit Gerard Mortier nach Paris. Vor acht Jahren ist er wieder in seine Heimat Bayern zurückgekehrt, diesmal als künstlerischer Betriebsdirektor an der bayerischen Staatsoper in München. 

Sein erster Chef war Gerard Mortier, über den er sagt, dass Mortier ein Revolutionär war, eine Kultfigur in der Szene, eine charismatische Persönlichkeit sondergleichen. Unbedarft und unbefangen lud der damals Anfang zwanzigjährige Schoner Gerard Mortier, den Visionär des Musiktheaters, als Redner für seine „Akademie, Musiktheater heute“ ein. Der große Mortier kam tatsächlich und bald darauf folgte ihm Schoner als sein persönlicher Assistent nach Salzburg. 

Das Verhältnis war nicht so wie das, was man heute in postmodernen Unternehmen antrifft oder antreffen möchte. Schoner lernte in einem klassischen Meister-Schüler-Verhältnis und fing beim sprichwörtlichen Kofferträger an. Einfach, weil Mortier so war, weil das Geschäft so war und vor allem, weil die Oper und das Theater so waren. Die Oper tickt anders als postmoderne Wirtschaftsunternehmen. Dennoch, vielleicht aber auch gerade deshalb, oder weil Schoner einfach Schoner ist, hat man den Eindruck, man sitzt einem unprätentiösen, hin und wieder ein wenig spitzbübigem Mann gegenüber, dem ein klassischen Chef-Angestellten-Verhältnis nicht geschadet hat. 

Dass Führung sich hingegen verändert hat, ist ihm dennoch sehr bewusst. Es gibt da heute eine andere Seite, denn auch im künstlerischen Bereich haben sich Partizipation und Demokratie verändert. „Zum Beispiel wählt das Berliner Philharmoniker Orchester, welches ein basisdemokratisches Orchester ist, ihren Chefdirigenten selbst und die Energie, die aus solchen Formationen hervorgeht, ist natürlich eine ganz andere, weil sie stärker von innen kommt.“ 

Als Führungskraft geht es Viktor Schoner darum eine Stimmung zu kreieren, die bewirkt, das alle im Moment der Aufführung das Beste wollen. Es geht darum eine Atmosphäre zu schaffen, in der das Publikum seinem eigenen Herzen gewahr wird, die Musik die Seele berührt und so die vierte Wand durchbrochen wird. Dabei sind die ersten drei Wände, die drei festen und eisernen Wände der Bühne. Die vierte und unsichtbare Wand, ist die Wand zwischen den Schauspielern, Sängern und ihrem Publikum. Diese Wand gilt es zu überwinden, eine Atmosphäre zu schaffen, die diesen einen Abend zu einem ganz besonderen Augenblick werden lässt. 

Finden wir das, was Viktor Schoner mit Stimmung erzeugen meint, in klassischen Wirtschaftsunternehmen wieder? Kann die vierte Wand übertragen werden auf das Verhältnis Führungskraft und Mitarbeiter? Gilt es hier eine unsichtbare Wand zu überwinden und eine Stimmung zu erzeugen, die das Produkt eines Industrieunternehmens zu einem einzigartigen Erlebnis für deren Kunden werden lassen kann? 

Zu seinen Studienzeiten gründete Viktor Schoner „Akademie, Musiktheater heute“ und versammelte Menschen um sich versammelt, weil er schon damals erkannte, dass die Oper eine so komplexe Struktur ist „das kann man nicht alleine machen und wenn wir den Laden hier aufmischen wollen, dann müssen wir uns zusammentun. Die Presseabteilung, Bühnenbild, Kostümwerkstadt, Dramaturgie. Wenn jeder von uns alleine versucht die Revolution zu starten, geht nichts voran,“ überzeugte er damals seine Mitstreiter und erreichte Großes.

 
Der Spirit und die Tatkraft von damals ist heute noch bei Viktor Schoner zu spüren. Er will den Geist für ein gemeinsames Ziel und die Kraft der gesamten Mannschaft entfalten, die es benötigt, um die vierte Wand zu durchdringen. 

Wir bedanken uns herzlich für das tolle Gespräch und den Gang hinter die Kulissen und wünschen Viktor Schoner, dass er auch in Stuttgart diesen Geist entfachen kann und dass er sich neben seiner heutigen Erfahrung, seinem heutigen Wissen und Können, dem Lernen von Gerard Mortier und Nikolaus Bachler, seinen Revolutionsgeist bewahren wird.

 

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