Geführt wird von vorn

von Iris van Baarsen

Geführt wird von vorn

In vielen Unternehmen ziehen neue Verhaltens- und Denkweisen ein. Wir sprechen von holokratischen Strukturen, bevorzugen Scrum und Design Thinking und manchmal gehen wir selbst soweit, dass Führung nur noch im Außenverhältnis, in einem gesetzlichen Rahmen gelebt wird, während im Innenverhältnis Teams ohne Chef sich hervorragend selbst organisieren, Entscheidungen treffen und nichtsdestominder erfolgreich zusammenarbeiten und gute Profite generieren. Was also stimmt nun, kann wirklich nur von vorne geführt werden, oder können wir ein Umfeld schaffen, in dem Führung entbehrlich, ja sogar unbrauchbar wird?

Steht die Frage möglicherweise in ihrer Abhängigkeit zu der Branche oder der Unternehmensform? Braucht eine Aktiengesellschaft eine andere Art der Führung als ein mittelständisches Unternehmen oder ein Familienbetrieb? Verändern sich die Vorzeichen der Führung in der IT-Branche im Vergleich zum Bergbau? Ich denke die meisten von uns unterliegen im ersten Moment der Versuchung, Ja zu sagen. Selbstverständlich sind das Leben und die Kultur in einer Aktiengesellschaft eine andere, als beim heimischen Wirt um die Ecke. Doch bedenken wir, dass eines beide gemeinsam haben: alle sind vom Arbeitsfaktor Mensch abhängig. Und immer, wenn wir über Führung sprechen, müssen wir auch über den Geführten reden.

Wenn jetzt der Gedanke auflodert, dass Ärzte anders ticken als Ingenieure, und Banker andere Werte vertreten als Künstler – und demzufolge eine andere Art der Führung benötigen –, dann stimmt das möglicherweise genauso, wie man einst glaubte, die Sonne drehe sich um die Erde. Doch auch hier sollten wir uns fragen, ob es eine Gemeinsamkeit zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen gibt. Wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, kommt man darauf: Die Gemeinsamkeit besteht im Menschsein selber, in dem was uns alle gleichermaßen ausmacht. Dabei geht es weniger um die Tatsache, dass wir alle ein Grundbedürfnis nach Nahrung, Schlaf und Sicherheit haben, gleichwohl Ärzte wie Ingenieure, Banker wie Künstler alle miteinander und jeder einzelne, einer gewissen Anerkennung und Wertschätzung ihres Tuns, offen und freudig gegenüberstehen. Womit wir wieder beim Punkt Führung angelangt sind; nämlich bei der Führungskraft, die Anerkennung und Wertschätzung gibt.

Haben Sie an dieser Stelle Lust auf ein kleines Experiment?

Wenn ja, dann stellen Sie sich bitte vor, Sie bewerben sich bei einer Bank. Sie erhalten zwei Einladungen von sehr unterschiedlichen Banken und führen dort ein Gespräch mit dem Vorstand der jeweiligen Bank. Ist diese Vorstellung für Sie zu abwegig, dann stellen Sie sich vor, Sie wollen Kunde bei einer dieser beiden Banken werden.

Die erste Bank ist ein Konzern und international vertreten. Sie sitzen streng im Anzug oder Kostüm in einem gediegenen Besprechungsraum. Das Licht ist angenehm, die Tasse Kaffee duftet und Sie sind ebenso gespannt wie stolz, den Termin bekommen zu haben. Im Verlaufe des Gesprächs sagt der Vorstand nun folgende Sätze zu Ihnen: „Wir müssen mehr nach vorne gehen, noch mehr mit den Kunden arbeiten, noch mehr unsere Erträge steigern. Es muss jeden Tag darum gehen, am Markt zu sein, es muss jeden Tag darum gehen, unsere Ziele zu erreichen und das auf der Ertrags- und der Kostenseite. Zudem haben wir hervorragende Produkte und hier müssen wir wieder angreifen. Unsere Strategie ist es; Marktführer in allen Bereichen in Deutschland zu sein.“

Das zweite Gespräch führen Sie mit dem Vorstand einer Genossenschaftsbank. Ebenfalls wird Ihnen Kaffee und Wasser angeboten, ebenfalls sind die Räumlichkeiten ansprechend und Sonnenstrahlen, die durch ein großes Fenster auf den Besprechungstisch fallen, geben Ihnen ein gutes Gefühl. In Ihrem Gespräch mit dem Vorstand dieser Bank, äußert er unter anderem folgendes: „Geld ist etwas Positives, wenn ich damit positive Dinge tue. Es ist die Aufgabe einer Bank sinnvolle Dinge zu tun, in etwas zu investieren, was dem Gemeinwohl dient. Wir haben die Chance in unserer Bank, Impulse zu setzen, Leuchtturm zu sein und zu sagen: Wir machen es anders. Wir sind eine Bank, und natürlich müssen wir auch Gewinn machen, aber Gewinn ist nicht unser vorderstes Unternehmensziel, das ist die Förderung unserer Kunden.“

Wie entscheiden Sie?

Wie Sie bereits gemerkt haben, sind die Banken hinsichtlich ihrer Ausrichtung sehr unterschiedlich, aber noch unterschiedlicher sind sie von ihrem Führungsverständnis und ihrer Unternehmenskultur. Bleiben Sie jetzt gedanklich bei unserem Experiment und entscheiden Sie sich jetzt für eine der beiden Banken.

  • Wo möchten Sie lieber arbeiten?
  • Warum möchten Sie in der einen Bank arbeiten und nicht in der anderen?
  • Möchten Sie Ihr Geld bei der gleichen Bank anlegen, bei der Sie auch arbeiten wollen, oder bevorzugen Sie für Ihr Geld die andere Bank?
  • Was ist der Auslöser für diese Entscheidung?

Führung geht nur von vorn

Kommen wir nun wieder auf unsere titelgebende Grundannahme zurück: Ja, ich bin überzeugt davon, dass von vorn geführt wird – und zwar ausschließlich! Denn das größte und überzeugendste Instrument, um Unternehmenskultur zu transformieren und zu entwickeln, ist die Entwicklung der Person, die an der Spitze des Unternehmens steht. Dort entscheidet sich die Art des Umgangs mit Mitarbeitern und Kunden – und ob Aussagen zur Unternehmenskultur glaubwürdig und authentisch sind oder nicht.

Führung geht aus meiner Sicht immer nur von vorn, die Frage ist nur, wer ist der Mensch der vorne steht? Was sind seine Überzeugungen, was seine Werte? Wie stark ist die Persönlichkeit, wie bedeutsam ist das Selbstvertrauen dieses Menschen? Ist es entwickelt genug, dass er/sie Ratschläge annehmen kann, egal von welcher Ebene? Sieht diese Person sich als der alleinige Herrscher oder kann er Führung, da wo es sinnvoll ist, auch abgeben?

Doch vielleicht wird Führung tatsächlich eines Tages überflüssig. Die Voraussetzung dafür wäre jedoch die Überwindung des eigenen Egos, was den Homo sapiens wohl auf eine ganz neue Entwicklungsstufe brächte.

Zurück