Mission - Mut - Moral

von Iris van Baarsen

Mission - Mut - Moral

Ein Vortrag von Prof. Dr. Rüdiger Grube

Zur Realschule, da musste sich Rüdiger Grube selber anmelden, weil das sonst keiner wollte, dass er dahinging. Denn was sollte man mit einem Realschulabschluss auf dem Bauernhof anfangen? Den Kühen reicht es, wenn man weiß wieviel Futter sie brauchen und wann sie gemolken werden müssen. Und ein Abitur oder gar ein Hochschulstudium war für die Stallarbeit schon dreimal nicht notwendig. 

Wenn Prof. Dr. Rüdiger Grube einen Vortrag hält, dann staunt man, denn er erzählt eine Geschichte, die ein bisschen an das Wunder von Bern erinnert. Von einem der es nicht leicht hatte und dem später Großes gelang. 

Groß geworden sind sie zu dritt, seine beiden Geschwister und er. Bei der Mutter, denn der Vater war gegangen als Rüdiger Grube erst fünf Jahre alt war und zur damaligen Zeit wurde oft mit dem Finger auf Scheidungskinder gezeigt. Erst recht auf dem Land. Das macht traurig, gesteht er. Traurig und demütig. Rüdiger Grube erzählt aus seinem Leben und man bekommt schnell den Eindruck, dass für das, was Rüdiger Grube in seinem Leben alles erfahren hat, man selber vermutlich drei Leben brauchen würde. 

Vom Bauernhof zum Top-Manager, brachte er 1999 die EADS an die Börse, war neun Jahre als Vorstandsmitglied bei Daimler tätig, bevor er 2009 als Vorstandsvorsitzender zur Deutschen Bahn ging. Seit 2017 sitzt er als Vorsitzender im Aufsichtsrats der Hamburger Hafen und Logistik AG. Mobilität (Luft, Straße, Schiene und Wasser) ist nicht nur seine berufliche Passion, Mobilität ist Bewegung und Bewegung bedeutet Energie und Energie versprüht Prof. Dr. Rüdiger Grube wie kein zweiter. Mit 67 Jahren läuft er täglich seine zehn Kilometer und dass er immer noch „brennt“, immer noch enthusiastisch ist, für das was er tut, hört man nicht nur, man sieht es. In den lebendigen blauen Augen. Und wenn man genau hinschaut, sieht einen aus diesen Augen immer noch der kleine Junge vom Bauernhof an. 

Ein Leader ist nach Rüdiger Grubes Meinung jemand, der eine natürliche Autorität besitzt, eine Persönlichkeit ausstrahlt, die viel mit dem Umfeld, auch dem Elternhaus zu tun hat. In seinem Leben hat er früh gelernt mitanzupacken und das nicht auf Bitten oder Aufforderungen hin, dafür ist auf einem Bauernhof keine Zeit, da muss man selbstständig die Dinge in die Hand nehmen. Das ist eine Eigenschaft, meint er, die ihn dahin gebracht hat, wo er heute steht und die ihn immer noch prägt. Er hat nie gewartet bis ihm jemand die Verantwortung übertragen hat, oder bis er gefragt wurde, ob er Verantwortung übernehmen möchte, er hat sie sich genommen. Rüdiger Grube hat schlicht „gemacht“, wenn ihm etwas wichtig war, wenn es ihm richtig erschien und das auch, weil er in seiner Jugend das Glück hatte, dass er früh in großen Persönlichkeiten wie Wernher von Braun, Klaus von Dohnanyi oder Helmut Schmidt, Menschen fand, die ihn faszinierten und für ihn Ansporn und Vorbild waren. 

Kennengelernt hat er Helmut Schmidt 1962. Damals bei der großen Sturmflut in Hamburg ist er ihm als zehnjähriger Bub begegnet. Der frühere Innensenator Schmidt kam mit dem Hubschrauber angeflogen, stellte sich vor Grubes Klasse und meinte: Jungs, ich habe zwei Nachrichten für euch. Eine gute und eine schlechte. Die schlechte Nachricht ist, eure Schule ist kaputt. Die gute ist, morgen ist wieder Unterricht. Klar, dass die Schüler das anders sahen. Später wurden Schmidt und Grube gute Freunde. 

Leitbilder zu haben war wichtig für ihn und deshalb nimmt er das Thema Vorbild-Sein sehr ernst. Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Transparent haben große Bedeutung für ihn. Als Bahnchef ging er immer wieder zu seinen Mitarbeitern, den Servicekräften, Lokführern, Ingenieuren und redete mit ihnen. Er wollte immer ein Vorstand sein, den man anfassen konnte und der trotz seines Erfolges und all dem, was ein solcher Job an Annehmlichkeiten mit sich bringt, immer auf dem Boden bleibt. Und wenn er das sagt, dann glaubt man ihm, denn wie er da vor seinen Zuhörern steht, hin und her läuft, gestikuliert, lacht, auch mal Tacheles redet und meint, in seinem Alter muss er kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, da wirkt er nicht nur nahbar, er ist es.

Mut zum Handeln und sich selbst in Frage stellen können

Aber es ist nicht alles Gold was glänzt. Auch bei einem Rüdiger Grube nicht. Er hatte viele schlaflose Nächte, hat Blessuren davongetragen und Situationen erlebt, in denen es Spitz auf Knopf stand, doch sein gesunder Eigensinn, ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das, hat ihm oft geholfen. Siegen beginnt im Kopf, ist einer der Leitsätze von Rüdiger Grube. „Man muss überzeugt sein, von dem was man tut, sonst sollte man gar nicht erst aufs Spielfeld gehen.“ Rüdiger Grube spricht in seinem Vortrag auch viel über Werte. Über seine Werte, über das was ihn ausmacht. Er spricht von Integrität, von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Menschen und gegenüber seiner Aufgabe. Dabei kam es nicht selten vor, dass er vor der Entscheidung stand „Mach‘ ich das jetzt öffentlich, oder lass‘ ich es unter den Tisch fallen. Kann ich mich wegducken?“ Doch in solchen Momenten ist er seinen Werten gefolgt, hat Dinge transparent gemacht, auch wenn sie nachteilig oder unbequem waren. Denn raus kommt es sowieso, meint Rüdiger Grube, früher oder später und traurige Beispiele sind VW, Daimler oder die Deutsche Bank. Geheimhaltung ist langfristig gesehen eine Dummheit, die die Glaubwürdigkeit zerstört. Es gehört viel Mut dazu, weiß er. Mut zum Risiko, Mut zur Ehrlichkeit, doch anders geht es nicht. 

Als er frisch zur Bahn kam, da hatte ihm ein Kollege prophezeit, dass nicht mehr Weihnachten für ihn der Tag der Bescherung sei, sondern dieser schon Ende September kommen würde, denn da müsste er seinen Kunden sagen, ob es im kommenden Jahr Fahrpreiserhöhungen geben würde oder nicht. In seinem ersten Amtsjahr fiel dieses Datum zusammen mit den Bundestagswahlen und es stand die Frage im Raum, wie gehe ich jetzt mit einer Erhöhung um? Wenn ich erhöhe, bin ich dann schuld, wenn Angela Merkel die Wahlen verliert? Ein Gespräch mit selbiger bot Aufklärung. Merkel machte klar, dass er der Unternehmensführer sei und er seinen Job unabhängig von der Politik machen müsse. Am Ende setzten beide ihr Vorhaben durch. Grube erhöhte die Preise und Merkel wurde Bundeskanzlerin und wann immer ein Politiker später meinte, Grube davon überzeugen zu müssen, doch das zu tun, was die Politik verlangte, erzählte er diese kleine Anekdote.  

Rüdiger Grube hat kein Problem damit andere um Hilfe zu bitten oder einen Rat anzunehmen. So fragte er Philipp Schindler, Vorstand bei Google, was er an seiner Stelle besser machen würde. Schindler sagte, er würde die Dinge bei der Bahn schlichter machen. Einfacher gestalten, Komplexität für die Kunden rausnehmen. Was in zehn Sekunden nicht machbar sei, zum Beispiel ein Ticket am Automaten kaufen, würde er aussortieren“. Nach Googles Erfolgsrezept gefragt, antwortete Schindler: wir haben Panik. Jeden Tag! Denn jeden Tag machen tausende von jungen Start-ups uns den Rang streitig und jeden Tag müssen wir schneller sein, besser sein. 

Als Bahnchef war einer seiner größten Sorgen, dass sich eine Internetplattform zwischen ihn und seine Kunden schieben würde und die Deutsche Bahn den Kontakt zu ihren Kunden verlieren und damit zum Spielball werden würde. Ähnlich wie HRS oder Booking.com es gemacht haben. Die hatten keine Expertise im Hotelgewerbe, bestimmen heute aber weltweit den Markt. Und somit war es ein wichtiges Ziel für ihn, dass die Deutsche Bahn eine eigene Plattform hat und die Spielregeln selbst bestimmen kann. Trends zu verschlafen, Neues zu ignorieren, weil man es ja immer schon so gemacht hat, ist gefährlich, sagt er. Viele Unternehmenslenker, insbesondere in Konzernen, sind in ihrer arroganten Haltung davon ausgegangen, dass es sie am Markt immer geben werde, einfach weil es sie (gefühlt) immer schon gab. Und das sei einer der größten Managementfehler. 

Uber yourself before you get kodaked 

Stelle dich selbst in Frage, bevor andere dich in Frage stellen

 

Deine Moral entscheidet, welche Führungskraft du bist

„Die deutsche Wirtschaft steckt in einer riesigen Vertrauenskrise und die Verantwortlichen sind Menschen meiner Generation. Menschen die arrogant und überheblich auftreten und ihre Gesamtverantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht wahrnehmen. Sie verspielen ihre Glaubwürdigkeit und schlimmer noch, den Ruf einer gesamten Generation und der Branche, in der sie tätig sind.“ Lautet das Urteil von Rüdiger Grube. Moral ist Rüdiger Grube wichtig. „Der Schaden, den die Autoindustrie durch ihr unmoralisches Verhalten angerichtet hat, geht in die Milliarden und ist nicht mehr gut zu machen. Einige wenige Unternehmenslenker betreiben Diebstahl dem Stakeholder gegenüber und sehen sich dabei weder moralisch noch sonst wie in der Verantwortung.“ Erläutert er. 

Die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft ist es Vorbild zu sein. Vorbild, Vorbild, Vorbild, dreimal Vorbild sein. Wenn Rüdiger Grubes Chefs ihm in jungen Jahren kein Vorbild sein konnten, keine erstrebenswerte Haltung hatten, dann hat er schnell die Lust verloren, dann ist er gegangen, hat sein Glück selbst in die Hand genommen und hat sich etwas anderes gesucht. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass in solchen Chefpositionen die Gefahr groß ist, seine innere Einstellung und Haltung zu verlieren. Als Vorstand bei Daimler oder der Deutschen Bahn führt man kein normales Leben mehr. Da hat man seinen Chauffeur, da wird man hofiert, von allen bedient und verwöhnt. Da wartet sogar mal der Flieger, wenn man nicht allzu spät dran ist. Dann nicht unter Selbstüberschätzung und Realitätsverlust zu leiden, ist ein schmaler Grat. Einen eigenen Vorstandsparkplatz, womöglich noch mit dem eigenen Autokennzeichen versehen, das ist für Rüdiger Grube aus den Zeiten von Vor-Vorgestern. Man muss sich als Vorstandsvorsitzender immer seiner Rolle bewusst sein und man muss wissen, dass wenn man eine Kulturveränderung will, man selbst zu 100% vorangehen muss. Immer! Dass kann einem niemand abnehmen. Deshalb redet er mit seinen Leuten, mit den Managern, wie auch mit den Mitarbeitern an der Basis. Das ist Wertschätzung, das hat was mit Haltung zu tun und wenn man als Vorstandsvorsitzender den Mitarbeitern, und zwar allen, den nötigen Respekt erweist, dann kann man damit einen Flächenbrand entfachen, etwas bewegen, Kulturen verändern. Das kann mehr bewirken als jedes noch so gute Entwicklungsprogramm. 

 

»Ein Beispiel zu geben ist nicht die wichtigste Art, wie man andere beeinflusst. 

Es ist die einzige.« 

Albert Schweitzer

 

Es hat Freude gemacht und war inspirierend, Herrn Prof. Dr. Rüdiger Grube zuzuhören. 

Herzlichen Dank!

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