Die zwei Fragen des neuen Bahnchefs

von Iris van Baarsen

Zu Beginn des Jahres stand die Deutsche Bahn vermutlich häufiger als ihr lieb war im öffentlichen Fokus. Das Hinschmeißen vom alten Bahnchef Rüdiger Grube, Strippenziehen um dessen Nachfolge, Spekulationen über Ronald Pofalla und immer wieder das leidige Thema der Pünktlichkeit.

Zum 22. März stand fest, Richard Lutz, der bisherige Finanzvorstand wird die Nachfolge von Rüdiger Grube antreten.

Die einen sehen ihn ihm einen exzellenten Fachmann, die anderen in seiner Ernennung eine Perspektivlosigkeit. Was auch immer zutrifft, Richard Lutz wird es nicht leicht haben. Dabei scheint er ein bodenständiger Typ zu sein, kein Querulant und auch kein Visionär. Den Kopf nicht in den Wolken, steht Richard Lutz mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Von einem Börsengang der Deutschen Bahn spricht niemand mehr, einer Geschäftsfelderweiterung oder gar einer globalen Strategie erst Recht nicht.

„Konzentration auf das Kerngeschäft" heißt es auf Regierungsseite und damit auch auf die Pünktlichkeit, und mit Richard Lutz glauben sie den richtigen Mann an Bord. Oder vielmehr auf dem Zug.

Doch sei die Frage erlaubt, wieso dem Thema Pünktlichkeit eine solch gravierende Bedeutung beigemessen wird? Verständlich, dass Bahnfahrer ihr Ziel pünktlich erreichen wollen. Genauso wie Autofahrer und Fluggäste. Oder?

Wieso erscheint dies, das alles überstrahlende Ziel der Deutschen Bahn zu sein? Liegt es am Eigentümer, dem Bund? Liegt es an den Medien, die sich mit Feuereifer auf das Thema Verspätung eingeschossen haben? Oder sind die Ziele des neuen Bahnchefs doch andere? Größere? Verfolgt er das Zukunftsprogramm 2020+ seines Vorgängers weiter? Geht seine Vision über die eines perfekt funktionierenden Fahrplans hinaus? Oder hat am Ende niemand ein Interesse an einer wirklich großen Vision für die Deutsche Bahn?

Apropos Vision. Ein großer Visionär ist unbestritten Elon Musk. Ob nun belächelt oder kritisiert, Musk ist derzeit erfolgreich. Doch unabhängig wie sich Tesla, SpaceX oder SolarCity entwickeln werden, Elon Musk hat große Ideen.

Nehmen wir seinen Hyperloop. Ein Hochgeschwindigkeitssystem welches die Strecke von Los Angelas nach San Francisco in 35 Minuten schaffen will. Eine Strecke von rund 570 Kilometern. Da erscheint das Ziel der deutschen Pünktlichkeit fast traurig.

Es geht hier jedoch nicht darum, Richard Lutz mit Elon Musk zu vergleichen. Für Richard Lutz geht es vielmehr darum, seine Mannschaft zu begeistern, sie zu bewegen, sie zu Machern zu befähigen, damit sein (?) Leitbild profitabler Qualitätsführer, Top-Arbeitgeber und Umwelt-Vorreiter gelebt werden kann.

Ob und wie das Leitbild der Deutschen Bahn von der Belegschaft erreicht und gelebt wird, hängt stark von ihm und seinen Führungskräften ab. Das Ausrufen eines solchen, ständige Wiederholungen in Meetings oder der x-te Workshop nutzen hier jedoch wenig, wenn das Leitbild nicht bis in die letzte DNA der Deutschen Bahn gelebt wird.

Wie aber kann er das erreichen?

Auf einem sehr simplen Weg, zu dem zwei Fragen gehören.

Richard Lutz und sein Team müssen sich jeden Morgen die Frage stellen: 

Wie kann ich mein Leitbild heute leben?

Und jeden Abend müssen sich Richard Lutz und sein Team die zweite Frage stellen:  

Wie habe ich mein Leitbild heute gelebt, und kann ich es morgen noch besser machen?

Diese zwei Fragen müssen tief verankert sein und dafür braucht es nicht einmal eine Herrschaft von Beratern.

Es braucht Inspiration und Engagement, um ein Leitbild zu entwickeln. Um es zu leben braucht es Mut, Vertrauen und Durchhaltevermögen.

Zudem müssen Leitbilder jedem einzelnen Mitarbeiter die Möglichkeit bieten, sie für sich mit konkreten Zielen erleb- und erreichbar zu machen. Als profitabler Qualitätsführer muss ich wissen, wie werden wir im Jahr 2030 reisen? Schon heute ist die Arbeitswelt fluide, finden Meetings und Besprechungen im virtuellen Räumen statt. Wie richtet sich die Bahn darauf aus? Was braucht der Reisende, der mit der Bahn von Berlin nach Amsterdam fährt, dann mit dem Rad eine Stadtrundfahrt plant, die mit einer Bootstour endet? Welche Workflowmechanismen zu Lieferanten und anderen Dienstleistern sind gefragt? Welche Kommunikationsmittel müssen im Zug funktionieren? Eine stabile Handy-Verbindung ist bis heute reine Glückssache.

Die Zugschaffnerin der Deutschen Bahn muss die Chance haben, ihr Bild eines Qualitätsführers konkret umsetzen zu können und sei es in der Bereitstellung einer zuverlässigen Kaffeemaschine.

Und sie braucht die Freiheit in ihrem Handeln, die jeden Morgen die Frage zu lässt:

Wie kann ich mein Leitbild heute leben?

Und sie braucht die Eigenverantwortung und Ehrlichkeit, jeden Abend die zweite Frage zu stellen:

Wie habe ich mein Leitbild heute gelebt, und kann ich es morgen noch besser machen?

Ein Leitbild muss tragfähig und belastbar sein. Es darf kein alter ICE mit kaputter Bestuhlung sein, es muss ein Hyperloop sein, für den sich 300.000 Mitarbeiter ins Zeug legen wollen.

Für Richard Lutz bedeutet dies weniger Respekt vor der neuen Aufgabe, welche ihm Ansporn und Verpflichtung gleichermaßen ist. Für Richard Lutz bedeutet dies Mut zu haben, sich nicht in politischen Machtspielen zu verlieren, sich nicht profilieren zu müssen, dagegen vielmehr die Deutsche Bahn wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen mit Herz und voller Kraft zu führen.

Und es braucht den Mut und das Vertrauen der Politik, dies zuzulassen und gemeinsam etwas zu schaffen, was unser bisheriges Leistungs- und Angstdenken verhindert hat.

 

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