Vom Wissenden zum Lernenden

von Iris van Baarsen

Vom Wissenden zum Lernenden

Bernadette Büsgen

Ein Gespräch über neues Führungsverhalten mit Bernadette Büsgen, Management Coach & Beraterin
bei HR-Büsgen Consulting 

 

Bernadette kenne ich schon sehr lange. Wir waren beide viele Jahre bei KPMG im Bereich Human Resources tätig, in unterschiedlichen Bereichen, sind befreundet und deshalb ist unser Gespräch von Beginn an sehr offen.

Meine erste Frage geht in Richtung Veränderung hinsichtlich Führungsverhalten. Genau wie ich, spürt Bernadette deutliche Veränderungen: „Im Moment nehme ich eine Offenheit bezüglich der tieferen Themen bei Führungskräften wahr, vor allem im Vier-Augen-Gespräch.“ Dennoch sieht sie die Gefahr, dass neue und moderne Führungsstile nicht nur aus Überzeugung heraus gelebt werden könnten. Es könnte auch ein Hype sein, der gerade en vogue ist und ähnlich wie andere Trends in ein paar Jahren wieder verschwinden. Möglicherweise reiten wir auf einer neuen „Welle“?

Auf jeden Fall stellt Bernadette fest, dass sich der Anspruch ihrer Auftraggeber an die Führungskräfteentwicklung verändert hat. Heute wird stärker nach einem werteorientierten Ansatz geschaut. Doch in den meisten Unternehmen gibt es zwar Führungsleitbilder, aber immer noch wenig Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, was Führung ganz konkret in dem jeweiligen Unternehmen bedeutet.
Unternehmen spüren durchaus, dass sie etwas verändern müssen, um weiterhin erfolgreich zu sein. Dies schließt explizit auch zeitgemäße Führung in Bezug auf die digitale Welt mit ein. Der tiefergehende Zweck der Veränderung und die dahinterstehende Haltung ist jedoch unklar und lässt sich folglich schwer formulieren. 

Deshalb bietet Bernadette auch eher Coaching Programme an, die auf eine individuelle Entwicklung abzielen. Dabei kommt es ihr vor allem auf die vertikale Entwicklung einer Führungskraft an. Also nicht nur die horizontale Entwicklung durch Wissenszuwachs und neue Methoden, sondern eine Entwicklung, die in die Tiefe geht. „Vertikale Entwicklung bedeutet für mich, mich als Mensch zu erkennen“ sagt sie und meint damit tiefer in die Reflektion zu gehen. Ob das geschieht, in welchem Tempo und wie weit, bestimmt natürlich die Führungskraft selbst. 

Viele der erfahrenen Führungskräfte glauben, dass sie als Führungskraft ihren Mitarbeiter gegenüber einen Wissensvorsprung und einen exakten Lösungsweg haben müssten. Doch genau hier stoßen sie oftmals an die Grenzen der immer komplexer werdenden Welt, der Digitalisierung und letztendlich auch an ihre persönlichen Grenzen. Gleichzeitig ist dieses „an seine Grenzen stoßen“ oftmals Auslöser dafür, sich und das eigene Führungsverständnis zu hinterfragen. Nicht selten dienen diese gefühlten Grenzen somit als Auslöser für eine wirkliche Entwicklung. 

Bernadette Büsgen ist der Meinung, dass es für viele Führungskräfte heute darauf ankommt mit Ambivalenzen zurechtzukommen; dem Widerspruch zwischen dem „Neuem Führen“, einer neuen Haltung, einem neuen Führungsverständnis und der Erwartung der Organisation, alle Probleme lösen zu können. „Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten und dazu eine gute innere Haltung zu finden“ sagt Bernadette. Zudem erfordert „Neues Führen“ Offenheit, Neugierde und die Fähigkeit eigene Bilder in Frage stellen zu können, neue Perspektiven zu entdecken und ist heute wichtiger denn je geworden. „Es steht eine innere Haltung dahinter, dass ich eher als Lernender durch die Welt gehe, denn als Wissender“. 

Unser Interview dreht sich jedoch nicht nur um die klassische Führungskraft in einem Wirtschaftsunternehmen, sondern um Führung im Allgemeinen. Auch in der Politik.

Meinem Empfinden nach wird in der Politik eher traditionell und konformistisch geführt, als kooperativ und agil. Ich frage mich, warum die Machtdenke in der Politik immer noch so tief verwurzelt, Profilierung tägliches doing ist? Und genau in dem Bild des Wissenden, statt des Lernenden, könnte eine (von vielen) Erklärung liegen. Denn in unserem politischen System, oder zumindest bei der Generation in den Parteispitzen, ist die Denke des Lernenden noch gar nicht angekommen. Andererseits ist die Frage interessant, ob wir tatsächlich einen Politiker wählen würden, der sich hinstellt und bekennt, dass er lernt und einiges nicht weiß? Und somit treffen Politiker bei uns Wählern vermutlich auf eine ebenso traditionelle Struktur, und der Fehler liegt mal wieder im System. Für mich jedenfalls ein interessanter Gedanke, den ich weiterverfolgen werde. 

Wissen möchte ich auch, wie sich Bernadette als Business Coach sieht. „Am Anfang galt es überhaupt eine unternehmerische Basis zu finden“, erklärt Bernadette. „Netzwerken musste ich auch erst mal lernen und bin heute gut darin, tiefe und belastbare Beziehungen aufzubauen. Nachdem ich das geschafft hatte, bin ich als Person stärker in den Vordergrund gerückt und dann ging es mir mehr um Sinnhaftigkeit in meinem Tun. Und das ist es auch, was mich heute treibt. Es geht mehr um mich und um den Mehrwert, den ich heute meinen Kunden bieten möchte. Das ist ein Luxus, den ich mir mittlerweile erlauben darf und kann.“ 

Ich bin gespannt, wohin uns neue Führungsverhalten führen werden, wie belastbar und ernsthaft das Thema ist und ob am Ende tatsächlich eine tiefere Haltung sicht- und spürbar wird.
Meine tiefe Überzeugung - und ich glaube Bernadette teilt diese- ist, dass eine zutiefst menschliche Führung und eine entsprechende innere Haltung in der Zukunft immer wichtiger für Führungskräfte werden, wenn nicht gar der entscheidende Faktor, um Organisationen erfolgreich zu führen.

Vielen Dank an Bernadette, für das interessante Gespräch! 

Mehr über Bernadette Büsgen erfahren Sie auf Ihrer Homepage büsgen-consult.de

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