Warum heute niemand mehr Verantwortung übernimmt

von Iris van Baarsen

Mit der Verantwortung ist das so eine Sache. Sie wird am Anfang großgeschrieben und endet doch meist in bedeutungslosem Gestammel. Hamburg und sein G20 Gipfel ist nur ein Beispiel, wie Verantwortung ignoriert und hinter allen politischen und persönlichen Interessen zurückstehen muss. Bei G20 haben wir in seiner ganzen Wirksamkeit erleben müssen, wie es ist, wenn niemand Verantwortung übernimmt. Olaf Scholz sei hier als erster genannt. Ein Mann, der Hamburg sicher tief verbunden ist und über viele Jahre der Stadt große Dienste erwiesen hat. Und dennoch übernimmt er nicht die Verantwortung für seine so offensichtliche Fehleinschätzung, der Nichtbeachtung der Lagebilder, also der Einschätzung zur Gefahrenlage der Polizei.

Verantwortung übernehmen könnte in diesem Fall Rücktritt bedeuten. Verantwortung übernehmen hat aber ebenso etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Mit Integrität, damit, dass Handlung und Gesagtes übereinstimmen. Olaf Scholz bringt es nicht fertig, seinen Fehler einzugestehen, nicht einmal eingeschränkt und gleich gar nicht, sich zu entschuldigen. Die halbherzige Entschuldigung im Hamburger Rathaus wird als wirkliche kaum wahrgenommen. Sich persönlich zu kümmern, liegt ihm fern.

Einfacher ist es, die Schuld und damit die Verantwortung, jemandem zuzuschieben, dessen Schuld ohnehin und zweifelsohne feststeht. Denjenigen nämlich, die randaliert hatten, die in kampfes- und Zerstörungsstimmung durch Hamburg gezogen sind. Dem schwarzen Block.

Gleichwohl als Oberbürgermeister, als Vorbild und Führungskraft hätte er Verantwortung übernehmen müssen, erst Recht, wenn einer dieser Titel ihm etwas bedeuten würde.

Olaf Scholz beschädigt sein Ansehen bei der Bevölkerung umso mehr, als dass er mit seinem Verhalten, dem Nichteingestehen seiner Fehleinschätzung und seinem Satz; „...die Gewalt konnte nicht zu jedem Zeitpunkt und nicht überall verhindert werden“. Den Bürgern Hamburgs spricht er damit ihre Intelligenz, ihr Urteils- und Erinnerungsvermögen ab. Hofft er doch, dass sie bis zum September alles vergessen haben, sich an die Schande und die Prügel, die Hamburg bezogen hat nicht mehr erinnern.

Das ist es, womit Politiker seit jeher rechnen, dass ihre Bürger vergessliche und leicht zu manipulierende Kinder sind, die nur allzu leicht verzeihen und brav wie die Lemminge einem Führer folgen.

Es geht nicht darum, jemanden, der sicherlich ebenso Gutes getan hat und nun einen schwerwiegenden Fehler begangen hat – dies ist wohl unbenommen – zu Fall zu bringen. Es geht um die Lüge, sein menschlich beschämendes Verhalten, nicht zugeben zu können, sich geirrt zu haben und den damit verbundenen Vertrauensbruch.  

Und welche Verantwortung trifft Frau Merkel? Fast geht diese Frage unter, da Frau Merkel zu diesem Thema ebenfalls untergeht. Abtaucht, die Krawalle und eine Stellungnahme zum Austragungsort Hamburg schlicht nicht beantwortet. Die Angelegenheit aussitzt und mit ihrer Nichtreaktion ihre Person in diesem Zusammenhang beinahe in Vergessenheit bringt. Sie trägt jedoch nicht minder die Verantwortung und ihr Aberkennen dieser, ist die gleiche Beleidigung an unser Erinnerungs- und Urteilsvermögen, an unsere Intelligenz.

Ich frage Sie, wen achten Sie mehr, denjenigen, der Fehler eingestehen kann, versucht aus ihnen zu lernen und sich somit weiterentwickelt? Oder denjenigen, der Fehler versucht zu verschleiern, andere für dumm verkauft und wenn dies nicht möglich ist, zumindest versucht die Schuld anderen in die Schuhe schiebt? Wen von beiden würden Sie als Führungskraft in ihr Unternehmen aufnehmen, wen würden sie als Lehrer für ihre Kinder aussuchen, wen würden Sie als Oberbürgermeister oder als Oberhaupt des Landes wählen wollen?

Und die Polizei? Auch sie lehnt jede Verantwortung ab. Dabei ist zu betonen, dass sie einen tollen Job gemacht haben, einen Job, den sicher nicht viele machen möchten und können. Einem gewaltbereiten Mob gegenüber zu stehen, der verletzen will, möglicherweise eine Tötung hinnimmt oder einkalkuliert, ist eine Aufgabe, vor der man Angst haben darf, und da ist es in solchen Situationen nur allzu menschlich, Fehler zu begehen. Und diese gab es.

Es gab Demonstranten, die von der Polizei unnötig hart behandelt und sogar verletzt worden sind. Bewohner sind aus ihren Wohnungen gebracht worden, mussten stundenlang auf der Straße warten und dies ohne ein Wort der späteren Erklärung oder gar Entschuldigung. Dieses Verhalten ist in einer derartigen Extremsituation nachvollziehbar, sogar verzeihbar. Nicht aber verzeihen kann man die Ablehnung der Verantwortung, in der auch die Polizei sagt, dass alles super gelaufen ist, die Fehler andere gemacht hätten.

Das verleugnete und viel gehasste Kind „Verantwortung“ ist überall zu finden. Denken wir an den Abgasskandal. Trägt VW (wie auch andere Automobilhersteller) nur im mindesten die Verantwortung für ihren Betrug, ihre massive und arglistige Täuschung? Gab es jemanden, der die Verantwortung übernommen hat, oder gab es eine öffentliche Entschuldigung? Mitnichten.
VW macht das wieder gut, wozu sie von der Politik gezwungen werden. Nicht mehr. In den USA sehen die Entschädigungen schon anders aus, denn scheinbar haben die Amerikaner strengere Gesetze gegen Umweltsünder. Zudem ist die Prozesslust, man möchte fast von einer Klagewut der Amerikaner sprechen, bekannt, und wirkt offensichtlich selbst auf ein Konzernunternehmen wie VW einschüchternd. Aber wie man es dreht und wendet, die Verantwortung ist mal wieder diejenige, die keiner haben will.  

Die Liste könnte nun ewig so weitergehen, von Versicherungen, die trotz regelmäßig geleisteten Beitragszahlungen viel tun, um im Schadensfall nicht zu zahlen, Krankenhäuser und Ärzte, die, obgleich ihre Fehler nachweislich sind, Schadensersatz oder Schmerzensgelder ablehnen oder zumindest hinauszögern. Auch hier bleibt die Verantwortung auf der Strecke.

Wer übernimmt heute überhaupt noch Verantwortung. Tun wir es? Ich meine uns, wir die „normalen“ Bürger? Übernehmen wir Verantwortung. Selbstverantwortung. Wo fängt diese an? Wer sind diejenigen, die nicht zur Wahl gehen? Die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen sinkt seit Mitte der siebziger Jahre stetig. Wie bereiten wir uns darauf vor? Wer von uns setzt sich ernsthaft mit den Programmen der Partei auseinander?   

Die Antwort also auf die Frage, warum heute niemand mehr Verantwortung übernimmt ist so traurig wie simpel; weil die Selbstverantwortung unfassbar schwer wiegt, anstrengend und unbequem ist, manchmal sogar existenziell gefährdend. Deshalb fangen wir an, die Selbstverantwortung ein bisschen besser zu behandeln und sie hin und wieder auf uns zu nehmen. Wir alle, Herr Scholz.

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