Wie Angst den Unternehmensgewinn schmälert

von Iris van Baarsen

Dieses Projekt wird nicht scheitern! Kann es gar nicht, weil viel zu viel auf dem Spiel steht. Zu weit fortgeschritten ist es sowieso bereits; zu viel wurde schon investiert – und alle wissen ja, dass es kommt. Es gab bisher schon einige Planänderungen. Änderungen, die keiner vorher geahnt hatte und die mehr Geld und Zeit verschlungen hatten, als man es sich in den kühnsten Alpträumen hätte vorstellen können. Und schon wieder gibt es ein Problem, und noch eins! Doch es lässt sich in den Griff bekommen, ganz bestimmt. Darum ist es auch nicht nötig, es zu erwähnen. Zumindest so lange, bis jemand etwas merkt …

Albtraum Großprojekt

Die Liste bekannter Großprojekte, die in den letzten Jahren sowohl zeitlich wie finanziell aus dem Ruder gelaufen sind, ist lang. Da sei an die elektronische Gesundheitsakte mit über drei Milliarden Mehrkosten erinnert oder an das nie fertiggestellte FISCUS-Steuersystem, dessen Kostenplanung um mehr als das 10fache gestiegen war. In jüngster Vergangenheit fällt einem sofort die Elbphilharmonie ein, die mit über 700 Millionen Euro deutlich teurer wurde als ursprünglich geplant. Und auch der Berliner Flughafen ist und bleibt ein Albtraum in der Geschichte deutscher Großprojekte. Aber warum ist das so?

Zum einen wären vermutlich die meisten Großprojekte gar nicht erst begonnen worden, wenn alle die tatsächlichen Zahlen gekannt hätten. Da stapelt man zu Beginn lieber tief und lässt die Bombe erst in dem Moment platzen, in dem noch mehr Geld hinterhergeworfen werden muss.

Vogel-Strauß-Politik

Ein weiterer Aspekt ist die Angst vor dem Chef, und wir reden hier nicht von Mitarbeitern, die in der Hierarchie weiter unten stehen, sondern von der ersten und zweiten Managementebene. Also denen, die Verantwortung im eigentlichen und tatsächlichen Sinne tragen. Da läuft ein Projekt sowieso schon nicht wie es laufen sollte, da gab es Fehlplanungen und Fehleinschätzungen hinsichtlich baulicher, umwelt- oder ressourcentechnischer Aspekte und jetzt kommt noch ein gewichtiges und unvorhergesehenes Problem hinzu. Wie also damit umgehen? Nach all der Schelte, die man sich ohnehin schon vom Vorstand, dem Aufsichtsrat, der Öffentlichkeit oder sonst wem abgeholt hat, warum nicht mal nichts machen, auf Vogel-Strauß-Politik setzen? Warum denn um Himmels willen immer gleich losschreien?

Sicher, jedem ist klar, dass dieses Spiel auf Dauer nicht zu gewinnen ist, aber wie schon gesagt, jetzt ist einfach kein guter Augenblick. Jetzt ist Schweigen besser – die Frage für wen ist erstmal zweitrangig.

Lähmende Angst

Nur: warum reagieren Menschen so, warum verhalten sich gestandene Führungskräfte, die durchaus einen respektablen Weg gegangen sind, so ignorant, dumm und feige? Und das Thema Großprojekt sei hier nur exemplarisch zu verstehen. Die Gründe für ein solches Verhalten sind so vielfältig wie die Individuen, doch Angst spielt stets eine Hauptrolle in diesem Stück.

Die Angst im Unternehmen lächerlich gemacht zu werden, in großen Meetings, dort wo die Kollegen sitzen und der Chef einen auseinandernimmt, lähmt viele. Vor lauter Angst wird gelogen, verheimlicht und die Verantwortung einem anderen zugeschoben. Oftmals geht es nicht nur um einen Gesichts- und Machtverlust, die Blamage, darum für Fehler an den Pranger gestellt zu werden. Für viele Führungskräfte geht es durchaus um die eigene Existenz. Da ist die Kündigung, das „Freisetzen“ oder die Verbannung in den Keller, keine Seltenheit.

Wir wissen heute nur zu gut, dass Angst unsere Gehirntätigkeit beeinträchtig. Ist unser Gehirn gestresst, sind wir nicht mehr in der Lage bewusst oder unbewusst – also intuitiv – kluge Entscheidungen zu treffen. Dass das so ist, hat weniger mit der Hierarchieebene zu tun, sondern mehr mit dem limbischen System unseres Gehirns. Kreativität ist von einem gestressten und erregten Gehirn nicht zu erwarten.

Angriff oder Flucht

Wenden wir uns kurz den Auswirkungen der Angst im menschlichen Gehirn und der damit einhergehenden äußeren Reaktion zu: Verlieren wir unsere Gelassenheit und gerät das Gehirn in Stress, lässt das Urteilsvermögen nach. Neurowissenschaftler und Verhaltensforscher haben anhand von Studien nachgewiesen, dass der Mensch dann wieder auf alte Verhaltensmuster zurückgreift [1]. Eine typische Schutzmaßnahme. Kreative oder gar innovative Gedanken werden unmöglich. Steht ein Gehirn so stark unter Stress, dass es auf altbewährte Muster der letzten Jahre nicht zurückgreifen kann, geht es weiter zurück. Es greift auf Muster aus der Kindheit zurück. Schreien, toben, Türen knallen. Wer kennt das nicht?

Schafft ein ausgeprägt angstbesetztes Gehirn es nicht mal mehr auf dieses Muster zurückzugreifen, schaltet es automatisch auf das uns allen gegebene archaische Notfallprogramm um. Angriff oder Flucht. Sind Angriff oder Flucht nicht möglich, erfolgt die Erstarrung. Ende im Gelände. Kommt Ihnen das bekannt vor? Haben Sie das schon mal erlebt?

Leider reagieren wir heute nicht mehr nur dann mit einem Angriffs-, Flucht- oder Nichts-Tun-Verhalten, wenn unser Leben sprichwörtlich bedroht ist, nein, wir reagieren auch so auf Beleidigungen, Beschimpfungen, auf Mobbing oder Drohungen, insbesondere von Menschen, die in der Hierarchie über uns stehen und denen wir vermeintlich ausgeliefert sind. Wenn uns also klar wird, was mit uns in Stress- und Angstsituationen passiert – von der körperlichen, organischen Auswirkung mal abgesehen – können wir nach Wegen suchen, damit umzugehen. Wenn wir uns an das Gefühl des Stresses und der Angst bei uns selbst erinnern, sollten wir uns fragen, ob es Sinn macht dieses Gefühl bei anderen auszulösen. Und bei sozial gut entwickelten Menschen kann die Antwort nur „Nein“ lauten.

Tabuthema Angst

Nichtsdestotrotz ist Angst in Führungsetagen nach wie vor ein Tabuthema. Die Angst vor dem Versagen, die Angst vor Demütigung oder der Verachtung und schlussendlich die Angst, den eigenen Job zu verlieren – Mitarbeitern geht es da übrigens nicht anders. Ein Unternehmen, in dem Angst herrscht, wird niemals das beste Produkt hervorbringen, niemals die Besten auf Dauer halten können und niemals Großprojekte in einer guten und ressourcenschonenden Weise realisieren. Wenn dem Chef keiner seiner Mitarbeiter einfällt, der morgen seinen Job machen könnte, dann hat er/sie als Führungskraft versagt und die Verbreitung von Angst könnte einer der Gründe dafür sein. Wenn Unternehmenslenker schon nicht im Interesse der Menschen in ihrem Unternehmen – oder dem Unternehmen selbst– humanistisch führen, dann vielleicht im eigenen Interesse. Denn welche Macht hat der Chef noch, wenn die Firma aufgrund schlechterer Qualität nicht mehr mithalten kann, Fehler sich häufen und das Unternehmen am Markt keine Rolle mehr spielt?

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